Will Trump den Frieden zerstören?
- StefanWeichelt

- 21. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
𝐒𝐀𝐆 𝐉𝐀 – 𝐎𝐃𝐄𝐑 𝐖𝐈𝐑 𝐌𝐄𝐑𝐊𝐄𝐍 𝐔𝐍𝐒 𝐃𝐀𝐒
Heute live gesagt, am 21. Januar 2026, in Davos.
Man muss sich diesen Tag wirklich einmal als Ganzes vor Augen führen – nicht als Schlagzeile, nicht als Empörungsfragment, sondern als fortlaufende Geschichte.
Heute, am 21. Januar 2026, betritt Donald Trump in Davos die Bühne des Weltwirtschaftsforums. Ein roter Teppich im Schnee, Hubschrauber, Sicherheitszonen, bewaffnete Einheiten, ausgesperrte Journalistinnen und Journalisten. Schon die Inszenierung signalisiert: Hier spricht jemand, der sich nicht als Teil eines Systems versteht, sondern als dessen Zentrum.
Die Rede beginnt scheinbar harmlos. Wirtschaft. Zahlen. Superlative. Alles sei besser, alles sei grösser, alles sei erfolgreicher als je zuvor. Inflation runter, Börsen hoch, Kriminalität angeblich historisch niedrig. Zahlen werden aufgezählt, nicht belegt, nicht eingeordnet. Es ist die bekannte Ouvertüre: Erst Selbstvergewisserung, dann Weltdeutung.
Doch sehr schnell kippt der Ton.
Europa sei auf dem falschen Weg.
Der „Green New Scam“ eine historische Lüge.
Windräder etwas für dumme Länder, sie verschandelten die Landschaft und töteten Vögel.
Erneuerbare Energien seien ein Fehler.
Deutschland sei ein Beweis.
Und das ist der Moment, in dem man kurz innehalten muss.
Denn während Trump Europa auf dem „falschen Weg“ schildert, ist die Realität in den USA – selbst in konservativen Staaten wie Texas – etwas völlig anderes:
Dort stehen tausende Windräder, weit mehr als in vielen europäischen Ländern, und liefern gigawattstarke erneuerbare Energie. Texas ist heute einer der größten Windenergie-Produzenten der Welt, eine Region, in der erneuerbare Energien nicht nur Zukunft sind, sondern schon heute Realität, Arbeitsplätze schaffen, Netze stabilisieren und CO₂-Emissionen senken. Und das gilt längst nicht nur für Texas, sondern für mehrere US-Bundesstaaten, die massiv in Solar- und Windkraft investiert haben – ganz ohne „Vogeltötungs-Argument“.
Das ist kein grüner Mythos. Das ist Technologie, Wirtschaft und Zukunft, die funktionieren. Und sie steht im krassen Widerspruch zu dem, was hier in Davos behauptet wird.
Trump weitet seine Kritik aus:
Nicht nur Europa, sagt er, sondern die ganze „Green-New-Scam-Politik“ sei falsch. Energie müsse Geld einbringen, nicht welches verlieren.
Deutschland wird erwähnt. Der neue Kanzler gelobt, die Vorgänger indirekt verhöhnt. Stromproduktion im Keller, Preise angeblich katastrophal. Alles wird vereinfacht, alles auf eine Linie gezogen: Wer nicht folgt, ist selbst schuld.
Dann geht es um Zölle.
Zölle seien nationale Sicherheit.
Zölle seien Schutz.
Zölle seien das Instrument, mit dem man Länder „in drei Minuten“ zu Deals zwinge.
Frankreich wird öffentlich vorgeführt. Macron verspottet, erst wegen einer Sonnenbrille, dann wegen Arzneimittelpreisen. Die Drohung ist offen: 25 Prozent Zölle auf alles, 100 Prozent auf Wein und Champagner, wenn Frankreich nicht spurt. Gelächter bleibt aus. Niemand lacht. Die Drohung steht im Raum.
Die Schweiz kommt dran.
Ohne die USA wäre sie wirtschaftlich ruiniert gewesen.
41 Milliarden Defizit, hohe Zölle, „die Hölle los“.
Ein wunderschöner Ort – aber bitte nicht vergessen, wer hier die Macht hat.
Dann weitet sich das Feld.
Somalia sei nicht einmal ein Staat, die Menschen dort dumm und kriminell.
Venezuela werde „geholfen“, mit Militärschlägen, die als Ordnungsmassnahme verkauft werden.
Israel solle aufhören, sich mit Raketenabwehr zu brüsten – das sei amerikanische Technologie.
Und immer wieder diese Selbstvergewisserung:
Niemand war grösser.
Niemand war mächtiger.
Niemand war erfolgreicher.
Gegen 15 Uhr kommt der Moment, der alles andere überlagert.
Grönland.
Zunächst fast beiläufig. Dann immer direkter.
Grönland sei strategisch entscheidend.
Grönland sei ungeschützt.
Grönland sei im Grunde eine Einladung an China und Russland.
Und dann fällt dieser Satz, der alles verändert:
Grönland müsse den USA gehören.
Nicht verwaltet.
Nicht gemeinsam geschützt.
Nicht gepachtet.
Gehören.
Denn, so Trump wörtlich, man könne Grönland nicht „auf Miete“ verteidigen. Eigentum sei notwendig, um Sicherheit zu garantieren. Alles andere reiche nicht.
Und dann dieser Satz, ausgesprochen vor laufenden Kameras:
Ihr könnt Ja sagen oder Nein. Und wir werden es uns merken.
Er fügt hinzu, er wolle keine Gewalt anwenden.
Im gleichen Atemzug sagt er, Gewalt wäre natürlich möglich – dann sei man „nicht mehr aufzuhalten“. Aber keine Sorge. Er wolle das ja nicht.
Das ist kein Versprecher.
Das ist kein rhetorischer Ausrutscher.
Das ist eine Machtlogik, offen formuliert.
Schutz gegen Besitz.
Sicherheit gegen Souveränität.
Er behauptet, Grönland habe den USA gehört und man habe es nach dem Zweiten Weltkrieg „dummerweise“ Dänemark zurückgegeben. Historisch falsch, aber wirkungsvoll gesprochen. Geschichte wird nicht erklärt, sie wird benutzt.
Und während das Publikum noch sortiert, geht es weiter.
Die Nato sei unfair.
Die USA hätten alles gegeben, nichts zurückbekommen.
Man habe Europa und die Ukraine mit Hunderten Milliarden unterstützt, obwohl ein Ozean dazwischen liege.
Alles, was er wolle, sei Grönland.
Ein kleines Stück Eis, um die Welt zu beschützen.
Kurz darauf:
Wenn es zu einem Krieg komme, werde er auf Grönland stattfinden.
Deshalb brauche man dort einen gigantischen „Golden Dome“, ein Raketenabwehrsystem, grösser als alles zuvor.
Und dann, fast nebenbei:
Die Leute in Island liebten ihn. Sie nannten ihn „Daddy“.
Es wirkt surreal. Aber es ist real.
Gesagt heute. Live. In Davos.
Später, in den Fragen, wird es nicht ruhiger.
Zur Beziehung USA–China sagt Trump, er habe immer ein gutes Verhältnis zu Xi Jinping gehabt. Was Xi tue, sei „grossartig“. Bei der Pandemie habe es Differenzen gegeben. Er habe das Virus „China-Virus“ genannt. Xi habe ihn gebeten, einen anderen Namen zu verwenden. Und er habe es getan.
Diplomatie, so Trump.
Larry Fink nennt ihn scherzhaft einen wahren Diplomaten. Niemand lacht.
Trump sagt: Marco Rubio habe ihm Diplomatie beigebracht. Lob für den Aussenminister. Wieder kein Lachen.
Zur Wirtschaft sagt er: Wachstum sei der Schlüssel. Zölle seien Wachstum. Sparen in der Verwaltung ebenfalls. Rezession? Ein bisschen Glück brauche es auch.
Zum Abschluss dann wieder der Pathos:
Die USA seien zurück.
Bigger.
Stronger.
Better than ever.

Und genau hier muss man kurz innehalten.
Denn was heute in Davos gesagt wurde, ist mehr als eine schrille Rede. Es ist ein Weltbild, das offen formuliert wird. Ein Weltbild, in dem Schutz wieder zur Währung wird, Eigentum zur Bedingung, Macht zur Legitimation.
Mit exakt dieser Logik könnte man morgen sagen:
Die USA gehören den Amerikanern nicht.
Dieses Land gehört den indigenen Völkern.
Denen, die enteignet, vertrieben, getötet wurden.
Denen, deren Kinder man bis weit ins 20. Jahrhundert hinein umerziehen wollte.
Denen man Verträge gab – und sie brach, sobald sie im Weg standen.
Wenn Eigentum aus Macht entsteht, dann gilt das überall.
Oder nirgendwo.
Aber genau das ist der Punkt: Diese Logik gilt immer nur in eine Richtung.
Von stark nach schwach.
Von oben nach unten.
Vom Militärischen zum Zivilen.
Ich will hier wirklich keinen Newsticker schreiben.
Ich will nicht jedes weitere Zitat sezieren.
Aber man muss langsam ehrlich sein:
Was gerade weltweit passiert, ist kaum noch auszuhalten.
Territorien werden wieder verhandelbar.
Krieg und Frieden werden zu Deals.
Wahrheit wird zur Verhandlungsmasse.
Macht ersetzt offen das Recht.
Wenn dem kein Einhalt geboten wird – politisch, gesellschaftlich, gedanklich – dann steuern wir nicht auf schwierige Zeiten zu, sondern auf ein Weltbild, das wir eigentlich längst überwunden glaubten.
Die Frage ist nicht, ob man Trump mag oder nicht.
Die Frage ist, ob wir akzeptieren wollen, dass Sicherheit wieder Eigentum kostet.
Denn Geschichte zeigt ziemlich eindeutig:
Wo dieses Denken einmal akzeptiert wird,
hört es nicht bei einer Insel auf.
Sag Ja – oder wir merken uns das.

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