Nimmt Gewalt in Deutschland zu?
- StefanWeichelt

- 5. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Es fühlt sich gerade so an, als würde etwas kippen.
Als wären die Leute dünnhäutiger, schneller auf 180, aggressiver. Ein Streit in der Bahn, ein Blick zu viel, ein falsches Wort – und plötzlich eskaliert etwas, das früher vielleicht mit einem Kopfschütteln geendet hätte. Wenn dann jemand stirbt, bleibt dieses beklemmende Gefühl:
Was ist hier eigentlich los?
Dazu kommt fast automatisch etwas Zweites.
Die Frage nach der Herkunft.
„Schon wieder ein Ausländer.“
„Schon wieder ein Flüchtling.“
„Das gab’s früher nicht.“
Dieses Gefühl ist real.
Aber Gefühle sind kein Beweis.
Wenn man einen Schritt zurücktritt und nüchtern hinschaut, zeigt sich ein anderes Bild. Ein unbequemeres.
Deutschland ist heute nicht gefährlicher als früher. Im Gegenteil.
In den frühen 1990er-Jahren wurden in Deutschland über 1.200 Tötungsdelikte pro Jahr registriert (inklusive Versuche).
Heute liegen wir meist bei deutlich unter der Hälfte.
Allein bei den vollendeten Morden sank die Zahl von oft 400 bis fast 500 Opfern pro Jahr Anfang der 2000er auf zuletzt rund 285 Opfer im Jahr 2024.
Auch die Gewaltkriminalität insgesamt zeigt über Jahrzehnte keinen dauerhaften Anstieg, sondern Wellenbewegungen:
Anstieg in den 1990ern, Rückgang bis etwa 2014, danach wieder Zunahme – zuletzt auf ein Niveau, das ungefähr dem von vor 15 bis 20 Jahren entspricht.
Keine Explosion. Keine historische Ausnahme.
Sondern Schwankungen innerhalb eines langfristig eher stabilen Rahmens.
Verglichen mit den 1970er-, 80er- und frühen 90er-Jahren leben wir damit statistisch in einer der sichersten Phasen der deutschen Nachkriegsgeschichte – zumindest, was tödliche Gewalt betrifft.
Was sich verändert hat, ist nicht in erster Linie die Gewalt.
Sondern ihre Wahrnehmung.
Früher stand ein Messerangriff vielleicht am nächsten Tag klein in der Lokalzeitung.
Heute ist er in Minuten überall. Pushmeldungen. Videos. Kommentare. Empörung.
Jede Tat wird zum Symbol. Jeder Einzelfall zum Beweis für den angeblichen Zerfall von allem.
Mehr Menschen.
Mehr Medien.
Mehr Kameras.
Aber nicht automatisch mehr Gewalt.
Warum tauchen dann Ausländer in diesen Geschichten so oft auf?
Weil viele von ihnen genau dort leben, wo Konflikte entstehen:
in großen Städten, in belasteten Vierteln, unter hohem Druck.
Weil sie statistisch häufiger jung, häufiger männlich und häufiger ökonomisch benachteiligt sind.
Das sind keine kulturellen Eigenschaften.
Das sind Risikofaktoren.
Die gleichen Faktoren, die auch bei Deutschen wirken.
Kriminologische Forschung zeigt seit Jahrzehnten:
Junge Männer begehen weltweit den Großteil der Gewalttaten – unabhängig von Herkunft, Religion oder Pass.
Wer jung ist, keine Perspektive sieht, traumatisiert ist oder dauerhaft unter Stress steht, explodiert schneller.
Herkunft allein erklärt Gewalt nur zu einem kleinen Teil.
Soziale Lage erklärt deutlich mehr. Und noch etwas widerspricht unserem Bauchgefühl:
Ein großer Teil schwerer Gewalt passiert nicht auf der Straße zwischen Fremden, sondern im privaten Umfeld – in Partnerschaften, Familien, Beziehungen.
Dort, wo Öffentlichkeit fehlt und Schweigen häufiger ist.
Gewalt ist also oft näher, leiser und unsichtbarer, als die Schlagzeilen vermuten lassen.
Dazu kommt etwas Unbequemes, über das selten gesprochen wird:
Nicht jeder Konflikt wird gleich gemeldet.
Wenn Täter und Opfer deutsch sind, wird häufiger geschwiegen.
Ist der Täter „fremd“, wird schneller Anzeige erstattet.
Das kann Statistiken verzerren – und Vorurteile verstärken.
Und ja: Es gibt reale Probleme.
Menschen kommen aus Kriegsgebieten, aus Gewalt, aus Kontrollverlust.
Manche bringen Trauma mit, Wut, Misstrauen.
Wenn sie dann jahrelang in Sammelunterkünften leben – ohne Arbeit, ohne Struktur, ohne echte Perspektive –
dann ist das kein Integrationskonzept.
Das ist ein Pulverfass.
Gleichzeitig leben wir alle in einer Gesellschaft, die gereizter geworden ist.
Pandemie. Inflation. Zukunftsangst. Dauerkrisen. Soziale Medien.
Weniger Geduld. Weniger Nähe. Mehr „Ich zuerst“.
Aggression ist selten ein Zeichen von Stärke.
Sie ist meist ein Zeichen von Überforderung.
Was hilft also wirklich?
Nicht Wegsehen.
Aber auch nicht pauschales Fingerzeigen.
Was hilft, ist frühe Integration statt jahrelanges Warten.
Sprache. Arbeit. Alltag. Kontakt statt Isolation.
Klare Regeln – aber auch echte Chancen.
Prävention in Schulen, in Vierteln, bei Jugendlichen – bevor etwas eskaliert.
Und vor allem: Ehrlichkeit.
Probleme benennen, ohne ganze Gruppen zu Schuldigen zu machen.
Gewalt verurteilen – egal von wem sie kommt.
Aber auch anerkennen, dass soziale Bedingungen Gewalt erzeugen können.
Und dass man ihnen den Boden entziehen kann.
Denn eines ist sicher:
Eine Gesellschaft – oder Politik –, die permanent Angst produziert,
produziert keine Sicherheit.
Eine Gesellschaft, die erklärt, einordnet und handelt –
schon eher.
Und was macht das mit uns Menschen?
Es ist nicht die einzelne Tat, die uns verunsichert,
sondern ihre ständige Wiederholung.
Der permanente Nachrichtenstrom erzeugt das Gefühl,
dass überall und jederzeit alles eskaliert.
Das macht etwas mit uns:
Wir werden misstrauischer, ängstlicher, schneller im Urteilen.
Gewalt gab es leider schon immer –
in Deutschland, in jedem Land, in jedem Jahr.
Das macht sie nicht weniger schlimm.
Aber es relativiert das Gefühl,
dass alles außer Kontrolle gerät.
Manchmal hilft es deshalb, bewusst Abstand zu nehmen.
Nicht nur von den Nachrichten selbst,
sondern auch von Stimmen und politischen Erzählungen,
die fast ausschließlich von Angst, Wut und Spaltung leben.
Wer permanent suggeriert, dass alles kippt
und überall der Feind lauert,
verzerrt unseren Blick auf die Realität.
Dabei gibt es genug reale Probleme,
die tatsächlich größer werden
und unsere Aufmerksamkeit verdienen.
Umso wichtiger ist es, nüchtern zu bleiben,
einzuordnen –
und die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.
Nicht so, wie sie uns im Dauer-Alarm präsentiert wird.







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