Nationalismus - Warum wir immer den gleichen Fehler machen
- StefanWeichelt

- 31. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
𝐀𝐦𝐞𝐫𝐢𝐜𝐚 𝐅𝐢𝐫𝐬𝐭 – 𝐞𝐢𝐧 𝐋𝐚𝐧𝐝, 𝐝𝐚𝐬 𝐯𝐞𝐫𝐠𝐢𝐬𝐬𝐭, 𝐰𝐞𝐫 𝐞𝐬 𝐢𝐬𝐭
Man hört es auf Plätzen, in Studios, in Kommentarspalten.
„America First.“
Mit Fahnen, mit Wut, mit dieser trügerischen Gewissheit, die so tut, als wäre sie Wahrheit. Und es klingt vertraut, weil wir dieselbe Denkfigur hier kennen: „Deutschland den Deutschen.“ Gleiche Vereinfachung, gleiche Schuldzuweisung, gleiche Verdrängung der eigenen Geschichte. Nationalistisches Denken funktioniert international erstaunlich synchron.
Was dabei fast immer unter den Tisch fällt: Amerika ist ein Einwanderungsland.
Und ja – dazu komme ich gleich noch – Deutschland ist es auch.
𝐀𝐦𝐞𝐫𝐢𝐤𝐚 – 𝐞𝐢𝐧 𝐋𝐚𝐧𝐝 𝐨𝐡𝐧𝐞 𝐔𝐫𝐬𝐩𝐫𝐮𝐧𝐠𝐬𝐦𝐲𝐭𝐡𝐨𝐬
Amerika entstand nicht aus einem homogenen „Wir“, sondern aus Bewegung. Aus Migration. Aus Brüchen. Vor rund zweihundert Jahren kamen Menschen aus Europa, zwangsverschleppte Afrikaner, später Einwanderer aus Asien. Sie bauten Städte, Industrien, Verkehrsnetze. Gleichzeitig wurden die indigenen Völker verdrängt – eine historische Tatsache, die zeigt, wie absurd die Idee ist, irgendjemand könne dieses Land „ursprünglich“ besitzen.
Auch die Familie von Donald Trump wanderte aus Deutschland in die USA ein. Vor etwa hundert Jahren. Belegt. Faktisch. Kein Angriff, keine Meinung.
𝐃𝐢𝐞 𝐓𝐫𝐮𝐦𝐩-𝐅𝐚𝐦𝐢𝐥𝐢𝐞 – 𝐬𝐞𝐥𝐛𝐬𝐭 𝐓𝐞𝐢𝐥 𝐝𝐞𝐫 𝐄𝐢𝐧𝐰𝐚𝐧𝐝𝐞𝐫𝐮𝐧𝐠
Auch Trumps engstes Umfeld erzählt diese Geschichte.
Melania Trump wurde in Slowenien geboren, kam als Erwachsene in die USA und wurde eingebürgert.
Seine frühere Ehefrau Ivana Trump wurde in der damaligen Tschechoslowakei geboren und wanderte später in die USA ein.
Zwei Frauen an der Seite eines Präsidenten, der Einwanderung zum Feindbild erklärt hat. Auch das ist kein Urteil, sondern ein Fakt.
𝐃𝐢𝐞 𝐥𝐚𝐮𝐭𝐞𝐬𝐭𝐞𝐧 𝐔𝐧𝐭𝐞𝐫𝐬𝐭𝐮̈𝐭𝐳𝐞𝐫 – 𝐬𝐞𝐥𝐛𝐬𝐭 𝐞𝐢𝐧𝐠𝐞𝐰𝐚𝐧𝐝𝐞𝐫𝐭
Besonders deutlich wird die Schieflage bei den prominentesten Trump-Befürwortern.
Elon Musk, geboren in Südafrika, kam über Kanada in die USA.
Peter Thiel, geboren in Frankfurt am Main, prägt diese Politik ideologisch und finanziell.
David Sacks, ebenfalls aus Südafrika, fordert harte Maßnahmen.
Rupert Murdoch, geboren in Australien, liefert mit seinen Medien den Dauerlärm der Angst.
Und Miriam Adelson:
Geboren in Israel, heute US-Staatsbürgerin. Sie gehört zu den größten Einzelspenderinnen im republikanischen Lager. In den letzten Wahlzyklen flossen Hunderte Millionen Dollar in konservative Super-PACs und direkt in Trumps politisches Umfeld. Summen, die Wahlkämpfe, Personalentscheidungen und politische Agenden real beeinflussen.
Menschen, die selbst gekommen sind, profitiert haben – und nun die Tür hinter sich schließen wollen.
𝐃𝐞𝐫 𝐌𝐲𝐭𝐡𝐨𝐬 𝐝𝐞𝐬 𝐍𝐚𝐭𝐢𝐨𝐧𝐚𝐥𝐢𝐬𝐦𝐮𝐬
Nationalismus klebt an einem Mythos: Wir waren zuerst.
Fast nie stimmt das. Historisch nicht. Gesellschaftlich nicht.
Was bleibt, ist Gift. Erst in der Sprache, dann in Institutionen, schließlich im Alltag. In den USA sehen wir Eskalation, aggressive Behördenpraxis, Angst. Das beginnt nicht mit Gewalt, sondern mit Worten.
Deutschland kennt diesen Weg. Aus eigener Geschichte.
𝐃𝐞𝐮𝐭𝐬𝐜𝐡𝐥𝐚𝐧𝐝 – 𝐕𝐢𝐞𝐥𝐟𝐚𝐥𝐭 𝐚𝐥𝐬 𝐑𝐞𝐚𝐥𝐢𝐭𝐚̈𝐭 𝐮𝐧𝐝 𝐆𝐞𝐰𝐢𝐧𝐧
Deutschland wäre ohne Einwanderung nicht das Land, das es heute ist. Nicht kulturell. Nicht wirtschaftlich. Nicht menschlich. Dieses Land ist stark geworden, weil Menschen unterschiedlichster Herkunft hier gelebt, gearbeitet, geliebt, gestritten, gestaltet haben. Weil aus Vielfalt Reibung entstand – und aus Reibung Fortschritt.
Man sieht das in der Kultur, in den Medien, im Alltag – und auch dort, wo Emotionen ganze Nationen verbinden: im Sport.
Helene Fischer wurde in der ehemaligen Sowjetunion geboren und kam mit vier Jahren nach Deutschland. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands.
Peter Maffay, geboren in Rumänien, steht seit über fünf Jahrzehnten auf der Bühne, verkauft Millionen Alben, engagiert sich unermüdlich für Kinder und Jugendliche und prägt dieses Land bis heute.
Rea Garvey, geboren in Irland, ist aus der deutschen Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken.
Vanessa Mai, mit kroatischen Wurzeln, gehört zu den bekanntesten Stimmen ihrer Generation.
Sibel Kekilli, Tochter türkischer Eltern, international ausgezeichnete Schauspielerin.
Fatih Akin, Sohn türkischer Einwanderer, Oscar-Preisträger, eine der wichtigsten Stimmen des deutschen Films.
Kostja Ullmann, mit indischen Wurzeln, erfolgreicher Schauspieler.
Nazan Eckes, Moderatorin, Journalistin, prägende Medienfigur.
Miroslav Klose, in Polen geboren, Weltmeister und WM-Rekordtorschütze für Deutschland.
Lukas Podolski, ebenfalls in Polen geboren, Identifikationsfigur einer ganzen Generation.
Gerald Asamoah, kam mit zwölf Jahren aus Ghana nach Deutschland, Nationalspieler, Vorbild für viele.
Um hier nur ein paar wenige zu nennen.
Rund jede fünfte Person in Deutschland hat heute einen Migrationshintergrund. Etwa fünf Prozent sind selbst im Ausland geboren. Das ist kein Makel. Das ist Realität. Und es ist gut so.
𝐖𝐚𝐫𝐮𝐦 𝐰𝐢𝐫 𝐝𝐢𝐞𝐬𝐞𝐧 𝐅𝐞𝐡𝐥𝐞𝐫 𝐢𝐦𝐦𝐞𝐫 𝐰𝐢𝐞𝐝𝐞𝐫 𝐦𝐚𝐜𝐡𝐞𝐧
Wir machen diesen Fehler nicht, weil wir böse sind.
Wir machen ihn, weil Angst einfacher ist als Nachdenken.
In Zeiten von Unsicherheit – wirtschaftlich, gesellschaftlich, technologisch – suchen Menschen nach einfachen Erklärungen. Nach klaren Schuldigen. Migration eignet sich dafür perfekt: sichtbar, emotional aufgeladen, leicht zu verzerren. Komplexe Ursachen wie globale Ungleichheit, Klimakrise, Automatisierung oder politische Fehlentscheidungen lassen sich schwerer greifen als ein Mensch, der „anders“ aussieht oder einen anderen Akzent hat.
Dazu kommt ein tief menschlicher Reflex: der Wunsch nach Kontrolle. Nationalistische Erzählungen versprechen Ordnung in einer chaotischen Welt. Sie erzählen uns, dass alles wieder gut wird, wenn wir Grenzen ziehen, sortieren, ausschließen. Dass es ein klares „Wir“ gibt – und dass dieses „Wir“ bedroht ist. Das wirkt beruhigend. Es ist aber eine Illusion.
Politisch wird diese Angst gezielt genutzt. Wer Macht sichern will, lenkt den Blick weg von strukturellen Problemen und hin zu Gruppen, die sich schlecht wehren können. Aus Nachbarn werden Sündenböcke. Aus Vielfalt wird Gefahr. Aus Sprache wird Gift. Und irgendwann wirkt das alles so normal, dass man vergisst, wie absurd es eigentlich ist.
Der größte Trick dabei: Man erzählt den Menschen, sie müssten etwas verteidigen, das es so nie gegeben hat. Eine homogene Gesellschaft. Eine „reine“ Herkunft. Eine Vergangenheit ohne Wandel. Geschichte zeigt das Gegenteil. Gesellschaften waren immer in Bewegung – und immer dann am stärksten, wenn sie offen blieben.
Wir machen diesen Fehler also nicht aus Stärke.
Wir machen ihn aus Angst.
Und genau deshalb lohnt es sich, ihn zu erkennen – bevor er sich wiederholt.
𝐅𝐚𝐳𝐢𝐭
„America First“ und „Deutschland den Deutschen“ klingen nach Stärke. In Wahrheit sind sie Gedächtnisverlust. Fast niemand von denen, die heute am lautesten schreien, wäre ohne Einwanderung dort, wo er ist. Nicht in den USA. Nicht in Deutschland.
Wir stehen vor Herausforderungen, die keine Hautfarbe, keinen Pass und keine Nationalität kennen: Klima, Energie, Technologie, soziale Gerechtigkeit, Frieden. Diese Aufgaben lösen wir nicht gegeneinander, nicht mit Ausgrenzung, nicht mit rassischem Denken.
Wir lösen sie nur, wenn wir hinschauen. Wenn wir erinnern. Wenn wir akzeptieren, dass Vielfalt kein Risiko ist, sondern unsere größte Stärke.


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