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Glaube oder Fakten?

Warum religiöse Gewissheit in den USA Macht erklärt, Härte legitimiert – und Gewalt möglich macht

Ich habe diesen Text vor einem Jahr schon einmal veröffentlicht. Damals wirkte er wie eine Analyse. Heute fühlt er sich eher wie eine Erklärung an. Nicht, weil plötzlich alles anders geworden wäre – sondern weil sich vieles bestätigt hat. Dinge, die lange unter der Oberfläche brodelten, sind sichtbar geworden. Und sie folgen einem Muster.

Wer verstehen will, warum die USA politisch so polarisiert sind, warum Härte oft Applaus bekommt und warum Gewalt erschreckend schnell gerechtfertigt wird, muss tiefer schauen. Nicht auf einzelne Taten. Sondern auf das Weltbild darunter.

Ein guter Einstiegspunkt ist Gallup. Gallup ist kein Aktivistenprojekt und kein Meinungskanal, sondern eines der ältesten und renommiertesten Meinungsforschungsinstitute der Welt. Gegründet 1935, arbeitet Gallup seit Jahrzehnten mit repräsentativen Umfragen, die von Medien, Universitäten und Regierungen genutzt werden. Gallup misst keine Stimmungen des Tages, sondern Haltungen über Generationen hinweg.


Und genau diese Daten sind aufschlussreich.

Gallup fragt seit Jahrzehnten, wie Menschen in den USA die Entstehung des Menschen sehen. Der aktuelle Stand: Rund 37 Prozent der US-Amerikaner glauben, dass Gott den Menschen vor wenigen Tausend Jahren exakt so erschaffen hat, wie er heute ist. Keine Evolution. Keine Entwicklung. Keine Zufälligkeit. Weitere rund 34 Prozent akzeptieren Evolution nur, wenn Gott sie gesteuert hat. Nur etwa ein Viertel der Bevölkerung akzeptiert Evolution ohne göttliches Eingreifen.

Das ist keine Randgruppe. Das ist ein massiver Teil der Gesellschaft.

Hier geht es nicht um persönlichen Glauben. Es geht um Gewissheit. Und Gewissheit unterscheidet sich fundamental von Glauben. Glaube kann fragen, zweifeln, ringen. Gewissheit kennt keine Fragen. Sie weiß.


In vielen Teilen der USA ist Religion keine Privatsache. Sie ist Identität. Zugehörigkeit. Abgrenzung. Sie beantwortet nicht nur die Frage „Woran glaube ich?“, sondern auch „Wer bin ich?“ und „Wer gehört dazu – und wer nicht?“ Genau hier wird Religion politisch anschlussfähig.


Hinzu kommt eine religiöse Strömung, die außerhalb der USA oft unterschätzt wird: die Wohlstandstheologie. Ihre Logik ist einfach – und gnadenlos. Erfolg gilt als Zeichen göttlicher Gnade. Gesundheit als Belohnung. Reichtum als Beweis. Umgekehrt wird Scheitern moralisch aufgeladen. Wer arm ist, krank ist oder scheitert, hat offenbar nicht stark genug geglaubt.

Diese Denkweise prägt Megakirchen, Fernsehpredigten, Social-Media-Clips – und das Denken von Millionen Menschen. In riesigen Kirchenhallen, die eher an Arenen erinnern, wird kein Zweifel gepredigt, sondern Durchsetzungskraft. Kein Mitgefühl, sondern Siegermentalität. Gott erscheint nicht als Hirte, sondern als Unternehmer. Und seine Gesegneten erkennt man nicht an Demut, sondern an Erfolg.

Aus genau diesem Milieu stammt auch die Geisteshaltung, die Donald Trump geprägt hat. Nicht als frommer Christ im klassischen Sinn, sondern als Produkt dieser Logik: Zweifel ist Schwäche. Fehler eingestehen ist Niederlage. Erfolg ist Bestimmung. Wer gewinnt, hat recht. Wer verliert, hat versagt.


Viele Evangelikale sehen in Trump kein moralisches Vorbild – aber ein Werkzeug. Und das reicht. Denn in einem Weltbild, in dem Erfolg als göttliches Zeichen gilt, zählt nicht Charakter, sondern Durchsetzung.

Hier kippt etwas Entscheidendes.


Wenn Ordnung als göttlich gilt, wird Härte zur Pflicht.

Wenn Autorität von Gott kommt, wird Widerstand zur Sünde.

Wenn Zweifel als Makel gilt, wird Kritik zur Bedrohung.

…wo staatliche Härte beklatscht wird, weil sie „endlich aufräumt“.

Und genau deshalb klatschen heute bereits viele, wenn ein ICE-Agent einen Menschen erschießt. So wie am 7. Januar 2026, als Renee Good getötet wurde. In den Reaktionen taucht immer wieder dieselbe Haltung auf: Sie hätte sich eben benehmen müssen. Sie hätte gehorchen müssen. Dann wäre das nicht passiert. In dieser Logik wird ein tödlicher Schuss nicht als Tragödie gesehen, sondern als Konsequenz. Als notwendige Durchsetzung staatlicher Ordnung.


Besonders erschreckend ist die zusätzliche moralische Abwertung, die in manchen Kommentaren mitschwingt. Renee Good passte für viele ohnehin nicht in das „gottgewollte“ Weltbild. Sie war lesbisch. Und wer in diesem Denken nicht der göttlichen Norm entspricht, verliert schneller seinen Anspruch auf Mitgefühl. Dann wird ein getöteter Mensch nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern als Provokation, als Fehlverhalten, als Störung der Ordnung.


Genau hier zeigt sich die ganze Gefahr dieses Weltbildes. Gewalt wird nicht mehr als Versagen verstanden, sondern als Bestätigung. Nicht als Schock, sondern als Beweis von Stärke. Und wer das kritisiert, gilt nicht als Verteidiger von Demokratie, sondern als jemand, der „Chaos schützt“.

An diesem Punkt wird auch die Parallele zu The Handmaid’s Tale deutlich. Die Serie zeigt keine ferne Science-Fiction-Zukunft. Sie zeigt eine Gesellschaft, in der Religion zur politischen Waffe wird. In der Moral über Recht steht. In der Gehorsam über Freiheit triumphiert. In der Gewalt nicht als Grausamkeit empfunden wird, sondern als notwendige Ordnung.


Margaret Atwood hat mehrfach betont, dass sie für diese Geschichte nichts erfinden musste. Alles, was in The Handmaid’s Tale geschieht, hat historische oder reale Vorbilder. Es ist keine Fantasie. Es ist eine Warnung.


Nein, die USA sind nicht Gilead.

Aber die Mechanik ist dieselbe.

Man sieht sie in der Sprache.

Man sieht sie in der Politik.

Man sieht sie dort, wo Protest nicht als demokratisches Recht gilt, sondern als Angriff.

Wo staatliche Gewalt Applaus bekommt.

Wo Mitgefühl als Schwäche gilt.

Dieser Text erklärt keinen einzelnen Mord.

Er entschuldigt keine Tat.


Aber er erklärt das Klima, in dem solche Taten möglich werden.

Wenn Religion nicht mehr tröstet, sondern legitimiert,

wenn Glaube nicht mehr fragt, sondern befiehlt,

wenn Gott nicht mehr Hoffnung ist, sondern Argument,

dann wird aus dem Hirten ein Feldherr.

Und aus dem Glauben ein Werkzeug der Macht.


Darüber heute zu sprechen, ist unbequem.

Aber notwendig.



 
 
 

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