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Die unsichtbare Energie. Wieviel Strom unser Öl verbraucht, bevor es als Diesel oder Benzin im Auto brennt

Vorweg, ganz wichtig:

Das hier ist nur ein Baustein von vielen.

Nicht der einzige. Nicht der größte. Aber einer, der fast immer unter den Tisch fällt, wenn über fossile Energie geredet wird.

Denn Öl fällt nicht vom Himmel.

Und es fließt auch nicht einfach von allein durch Europa.

Zwischen Förderstätte und Zapfsäule liegt ein langer, energiehungriger Weg. Heute geht es nicht um Tanker, nicht um Raffinerien, nicht um LKWs oder Tankstellen. Es geht nur um einen einzigen Abschnitt: den Transport von Öl durch Pipelines. Also den Teil, den man nicht sieht, den man nicht hört – und den man deshalb gerne vergisst.

Ölpipelines sind keine passiven Rohre. Sie sind industrielle Dauerläufer. Alle 50 bis 100 Kilometer stehen Pumpstationen. Darin arbeiten Elektromotoren mit Leistungen von 1,5 bis über 2 Megawatt pro Stück. Mehrere davon gleichzeitig. Rund um die Uhr. Nicht für Spitzenlasten, sondern als konstante Grundlast. Nur damit sich Rohöl bewegt.

Eine einzelne große europäische Ölpipeline, etwa von Südeuropa bis nach Süddeutschland, verbraucht pro Jahr rund 100 Gigawattstunden Strom. Das ist kein Rechenmodell, sondern gemessen. Diese Größenordnung findet sich unter anderem bei Betreiberangaben der Süd-Europäischen Pipeline sowie in technischen Auswertungen, die unter anderem vom Fraunhofer-Umfeld, vom Wuppertal Institut und in IEA-nahen Analysen zitiert werden. Studien zum gesamten „Well-to-Tank“-Aufwand, etwa vom Paul-Scherrer-Institut und dem Wuppertal Institut, zeigen zusätzlich, dass pro Liter Kraftstoff spürbare Mengen elektrischer Energie allein für Förderung und Transport nötig sind.

Und davon gibt es nicht nur eine Pipeline.

Deutschland ist an mehrere große Rohöltrassen angeschlossen. Aus Richtung Rotterdam, aus Wilhelmshaven, aus Triest, aus Südfrankreich. Dazu kommen Verbindungen innerhalb Deutschlands zu Raffinerien. Tausende Kilometer Rohr, dutzende Pumpstationen. Konservativ gerechnet landen wir allein für den Pipeline-Transport von Öl, das für Deutschland bestimmt ist, bei etwa 0,3 bis 0,5 Terawattstunden Strom pro Jahr.

Und dieser Strom kommt nicht aus einem magischen Paralleluniversum. Er kommt überwiegend aus dem öffentlichen Stromnetz. Ganz normaler Netzstrom. Wenn ein Teil davon im Ausland verbraucht wird, verschwindet er nicht. Er taucht schlicht im Ölpreis auf. Am Ende zahlen wir ihn an der Zapfsäule mit.

Jetzt machen wir es greifbar.

Ein durchschnittliches Elektroauto fährt etwa 15.000 Kilometer pro Jahr und verbraucht rund 18 Kilowattstunden pro 100 Kilometer. Das sind 2.700 kWh pro Jahr.

Mit 0,3 TWh Pipeline-Strom könnten rund 110.000 Elektroautos ein ganzes Jahr fahren.

Mit 0,5 TWh Pipeline-Strom wären es etwa 185.000 Elektroautos.

Oder anders gerechnet:

0,5 TWh entsprechen ungefähr dem Jahresstromverbrauch einer Kleinstadt mit 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Eine komplette Stadt – ein Jahr lang mit Strom versorgt – nur dafür, dass Öl durch Rohre gepresst wird. Bevor es überhaupt verbrannt wird.

Das ist kein moralischer Appell.

Das ist Physik, Technik und Buchhaltung.

Fossile Energie ist nicht nur das, was hinten aus dem Auspuff kommt. Sie frisst Energie auf dem Weg dorthin. Für Pumpen, für Druck, für Bewegung. Diese Energie taucht selten in Talkshows auf, aber sie ist real. Und sie verschwindet auch nicht, nur weil man sie nicht mitzählt.

Wenn dann über ein paar zusätzliche Terawattstunden für Elektromobilität diskutiert wird, lohnt es sich, einmal ehrlich hinzuschauen, wie viel Strom das fossile System heute schon ganz selbstverständlich verschlingt – im Hintergrund, unsichtbar, aber bezahlt von uns allen.

Danke fürs Lesen.

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