Der schmutzige Anfang der "sauberen" Atomkraft
- StefanWeichelt

- 8. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Dieser Beitrag zeigt, wie schmutzig Atomkraft wirklich ist.
Atomkraftwerke wirken technisch. Präzise. Fast sauber.
Doch im Kern sind sie erstaunlich banal: riesige Wasserkocher.
Sie erhitzen Wasser.
Der entstehende Dampf treibt Turbinen an.
Diese drehen Generatoren – im Prinzip dieselben Maschinen, die auch in Windrädern Strom erzeugen.
Mehr passiert dort physikalisch nicht.
Und doch braucht dieser „Wasserkocher“ gewaltige Mengen:
Wasser zum Kühlen.
Flüsse, die sich erwärmen.
Ökosysteme, die darunter leiden.
Darüber habe ich schon geschrieben.
Heute geht es um den Anfang der Kette.
Um das, was dieses Wasser überhaupt erst zum Kochen bringt.
Uran.
𝐄𝐢𝐧 𝐁𝐞𝐢𝐬𝐩𝐢𝐞𝐥 𝐝𝐢𝐫𝐞𝐤𝐭 𝐚𝐮𝐬 𝐃𝐞𝐮𝐭𝐬𝐜𝐡𝐥𝐚𝐧𝐝
Noch gar nicht so lange her lag eines der größten Uranabbaugebiete der Welt mitten in Deutschland.
Im Erzgebirge und in Thüringen wurden zwischen 1947 und 1990 rund 231.000 Tonnen Uran gefördert.
Zeitweise arbeiteten dort bis zu 130.000 Menschen, insgesamt etwa eine halbe Million über die Jahrzehnte.
Was wie industrielle Stärke klingt, war für viele ein langsames Sterben.
Über 14.500 Bergleute erkrankten an Silikose.
Mehr als 5.500 bekamen strahlenbedingten Lungenkrebs.
Studien zeigen sogar über 7.000 strahlenbedingte Todesfälle.
Und jetzt kommt der Teil, über den kaum jemand spricht: die Folgekosten.
Allein für Behandlung, Rehabilitation und Renten der anerkannten Berufskrankheiten wurden seit 1990 rund
1,4 Milliarden Euro aus der gesetzlichen Unfallversicherung gezahlt.
Aber selbst das ist nur die halbe Wahrheit.
Denn ein großer Teil der Last steckt unsichtbar in unseren Sozialsystemen:
Erwerbsminderungsrenten, Frührenten, jahrzehntelange Therapien, Pflege, Medikamente, Reha-Ketten – finanziert über Rentenversicherung, Krankenkassen und Beiträge der Allgemeinheit.
Dafür gibt es keine saubere Gesamtsumme.
Weil diese Kosten nicht „Wismut“ heißen, sondern im System verschwinden.
Was man aber sicher sagen kann:
Das sind zusätzliche Milliarden, die in keiner einzigen Kilowattstunde Atomstrom eingepreist sind.
Und genau diese Milliarden fehlen heute den Renten- und Gesundheitssystemen, über deren Finanzlücken wir täglich diskutieren.
Und selbst das ist nur ein Teil der Wahrheit.
Denn neue Erkrankungen treten noch Jahrzehnte später auf.
All das geschah nur,
damit eine Gesellschaft später zu Hause Licht hat,
der Fernseher läuft
und Wasser im Kochtopf heiß wird.
Man kann versuchen, das nüchtern zu beschreiben.
Aber eigentlich fehlen dafür die Worte.
𝐃𝐢𝐞 𝐳𝐰𝐞𝐢𝐭𝐞 𝐑𝐞𝐜𝐡𝐧𝐮𝐧𝐠: 𝐌𝐢𝐥𝐥𝐢𝐚𝐫𝐝𝐞𝐧
Nach dem Ende des Abbaus blieb eine vergiftete Landschaft zurück.
• 311 Millionen Kubikmeter radioaktives Haldenmaterial
• 160 Millionen Kubikmeter belastete Schlämme
• kontaminiertes Wasser, das noch Jahrzehnte gereinigt werden muss
Seit 1991 wurden dafür über sieben Milliarden Euro Steuergeld ausgegeben.
Weitere Milliarden werden folgen – vermutlich bis weit nach 2040.
Das nennt man eine Ewigkeitslast.
Eine Rechnung, die Generationen bezahlen.
Wenn man nur das addiert, was sicher belegbar ist, landet man allein in Deutschland bereits bei
knapp neun Milliarden Euro – Sanierung plus die 1,4 Milliarden aus der Unfallversicherung.
Und die großen Posten, die sich nicht exakt beziffern lassen – Krankenkassenkosten, Frührenten, Pflege, Arbeitsausfälle, Hinterbliebenenleistungen – sind darin noch nicht einmal enthalten.
Konservativ betrachtet liegt die reale gesellschaftliche Gesamtlast damit
deutlich über zehn Milliarden Euro.
Bezahlt nicht über den Strompreis.
Sondern über Steuern, Beiträge und Generationen hinweg.
𝐃𝐚𝐬 𝐢𝐬𝐭 𝐤𝐞𝐢𝐧 𝐝𝐞𝐮𝐭𝐬𝐜𝐡𝐞𝐬 𝐄𝐢𝐧𝐳𝐞𝐥𝐩𝐡𝐚̈𝐧𝐨𝐦𝐞𝐧
In den USA erkrankten Navajo-Bergleute massenhaft an Krebs.
In Kanada und Australien kämpfen Staaten bis heute mit verseuchten Minen und explodierenden Sanierungskosten.
In Afrika stammt ein großer Teil des Urans für europäische Reaktoren aus Regionen, in denen Menschen unter Armut, Krankheit und fehlendem Schutz leiden.
Überall zeigt sich dasselbe Muster:
Gewinne werden privatisiert.
Schäden werden sozialisiert.
Weltweit sind Hunderttausende Menschen durch Uranabbau erkrankt.
Und fast überall trägt am Ende die Gesellschaft die Kosten.
𝐃𝐞𝐫 𝐠𝐫𝐨ß𝐞 𝐈𝐫𝐫𝐭𝐮𝐦 𝐝𝐞𝐫 „𝐬𝐚𝐮𝐛𝐞𝐫𝐞𝐧“ 𝐀𝐭𝐨𝐦𝐤𝐫𝐚𝐟𝐭
Wer heute noch von einer Rückkehr der Atomkraft träumt –
ob Politiker, Lobbyisten oder lautstarke Befürworter –
blendet genau diesen Anfang der Kette aus.
Den Bergbau.
Die Krankheiten.
Die Milliardenkosten.
Die zerstörten Landschaften.
Die Toten fernab jedes Kraftwerks.
Das hat nichts mit Zukunft zu tun.
Das ist ein Blick zurück in eine der teuersten und gefährlichsten Technologien, die wir kennen.
Wenn man alle Kosten ehrlich zusammenrechnet,
ist Atomstrom nicht billig.
Nicht sauber.
Nicht sicher.
Sondern vor allem eines:
unfassbar teuer –
für Menschen,
für Umwelt,
und für kommende Generationen.

Hier ein paar Quellen für Skeptiker: Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz
Wismut GmbH – Finanzierung der Sanierung
Wismut GmbH – Sanierungsaufgaben und Altlasten
Bundesamt für Strahlenschutz / wissenschaftliche Untersuchungen zur Wismut-Kohorte
Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung – Langzeitfolgen des Uranerzbergbaus
Bundesministerium für Umwelt – Radon und gesundheitliche Risiken

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