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𝗦𝗶𝗻𝗱 𝗱𝗶𝗲 𝟲𝟱𝟬 𝗠𝗶𝗹𝗹𝗶𝗮𝗿𝗱𝗲𝗻 𝗘𝘂𝗿𝗼 𝗳ü𝗿 𝗱𝗲𝗻 𝗦𝘁𝗿𝗼𝗺𝗻𝗲𝘁𝘇𝗮𝘂𝘀𝗯𝗮𝘂 𝘄𝗶𝗿𝗸𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗱𝗲𝗿 𝗕𝗲𝘄𝗲𝗶𝘀, 𝗱𝗮𝘀𝘀 𝗱𝗶𝗲 𝗘𝗿𝗻𝗲𝘂𝗲𝗿𝗯𝗮𝗿𝗲𝗻 𝗴𝗲𝘀𝗰𝗵𝗲𝗶𝘁𝗲𝗿𝘁


Diese Zahl geistert seit Jahren durch Talkshows, Kommentarspalten und Stammtische. Sie wird fast immer im selben Atemzug genannt: Netzausbau, Kostenexplosion, Energiewende gescheitert. Die Erzählung dahinter ist simpel: Wind- und Solarenergie seien schuld daran, dass Deutschland angeblich hunderte Milliarden Euro in neue Stromleitungen stecken müsse – und dass man mit Kohle und Atom all das gar nicht gebraucht hätte.

Das klingt dramatisch. Ist aber so nicht richtig.

Für alle, die hier schon aussteigen wollen, vorweg ganz klar:

𝗡𝗲𝗶𝗻 – 𝗱𝗶𝗲 𝗲𝗿𝗻𝗲𝘂𝗲𝗿𝗯𝗮𝗿𝗲𝗻 𝗘𝗻𝗲𝗿𝗴𝗶𝗲𝗻 𝘀𝗶𝗻𝗱 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗛𝗮𝘂𝗽𝘁𝗴𝗿𝘂𝗻𝗱 𝗳ü𝗿 𝗱𝗶𝗲𝘀𝗲 𝗞𝗼𝘀𝘁𝗲𝗻.

Schauen wir uns an, was hinter den rund 𝟲𝟬𝟬–𝟲𝟱𝟬 𝗠𝗶𝗹𝗹𝗶𝗮𝗿𝗱𝗲𝗻 𝗘𝘂𝗿𝗼 wirklich steckt.

Diese Summe beschreibt den gesamten Investitionsbedarf für das deutsche Stromnetz bis etwa 2045. Gemeint sind alle Netzebenen: Übertragungsnetze (Höchstspannung) und Verteilnetze in Städten, Gemeinden und Industriegebieten. Die Zahl stammt aus offiziellen Berechnungen, unter anderem aus Netzentwicklungsplänen der Übertragungsnetzbetreiber und Bewertungen der Bundesnetzagentur.

Ein entscheidender Punkt wird dabei fast immer unterschlagen:

Ein sehr großer Teil dieses Netzausbaus wäre auch ohne Energiewende zwingend nötig.

Warum?

Erstens: Alterung der Netze.

Große Teile des deutschen Stromnetzes stammen aus den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren. Kabel, Transformatoren und Schaltanlagen haben eine technische Lebensdauer von 40 bis 60 Jahren. Bis 2045 müssen 50 bis 80 % der heutigen Infrastruktur ersetzt oder grundlegend erneuert werden – ganz egal, ob der Strom aus Kohle, Atom oder Wind kommt. Das wird unter anderem vom BDEW und vom ZVEI so beziffert.

Zweitens: Mehr Strombedarf – unabhängig von Erneuerbaren.

Elektroautos, Wärmepumpen, Rechenzentren, Industrieelektrifizierung. Der Strombedarf steigt deutlich. Auch ein rein fossiles oder nukleares System müsste dafür Leitungen verstärken, Umspannwerke ausbauen und Verteilnetze modernisieren. Diese Kosten fallen so oder so an.

Drittens: Digitalisierung und Versorgungssicherheit.

Intelligente Netze, bessere Steuerung, Ausfallsicherheit, Redundanzen. All das sind Anforderungen eines modernen Industrielandes – nicht speziell der Energiewende. Auch diese Investitionen sind Teil der genannten Milliarden.

Und jetzt der entscheidende Punkt, den viele überrascht:

Studien vergleichen Szenarien mit viel, mit wenig oder mit sehr wenig erneuerbaren Energien. Das Ergebnis ist bemerkenswert ähnlich:

Der Grundbedarf an Netzinvestitionen bleibt fast gleich. Je nach Studie entfallen nur etwa 𝟭𝟱–𝟮𝟱 % der Netzkosten zusätzlich auf den Ausbau von Wind- und Solarenergie. 𝟳𝟱–𝟴𝟱 % wären auch ohne Erneuerbare notwendig.

Oder anders gesagt:

Selbst wenn Deutschland morgen sagen würde „Wir lassen alles wie früher“, käme eine ähnliche Summe von hunderten Milliarden Euro Netzkosten trotzdem auf uns zu – einfach weil das Netz alt ist und der Strombedarf steigt und die Nutzung sich geändert hat.

Die Behauptung, die Energiewende sei wegen der Netzkosten „gescheitert“, hält einer nüchternen Betrachtung nicht stand. Sie vermischt bewusst Gesamtkosten mit Zusatzkosten, und schiebt einen notwendigen Infrastrukturumbau einer einzelnen Technologie in die Schuhe.

Die 650 Milliarden Euro sind kein Beweis gegen erneuerbare Energien.

Sie sind ein Beweis dafür, dass Deutschland jahrzehntelang von seiner Substanz gelebt hat – und dass ein modernes Stromnetz unabhängig von der Energiequelle Geld kostet.

Das kann man kritisieren.

Aber man sollte es wenigstens ehrlich tun.



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