𝙒𝙀𝙏𝙏𝙀𝙍 ≠ 𝙆𝙇𝙄𝙈𝘼 - 𝗘𝗶𝗻𝗳𝗮𝗰𝗵 𝗲𝗿𝗸𝗹𝗮̈𝗿𝘁
- StefanWeichelt

- 20. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Ich merke es immer wieder in den Kommentaren meiner Facebook Seite.
Nicht aggressiv, nicht böse – eher beiläufig.
Sätze, die harmlos klingen und doch zeigen,
warum wir ständig aneinander vorbeireden.
„Auf meiner Terrasse merke ich nichts vom warmen Sommer.“
„Von wegen Wassermangel, bei mir regnet es doch.“
„Warmer Winter? Ich muss heizen und es schneit.“
Und genau hier beginnt das Missverständnis.
Es geht nicht ums Wetter.
Es geht ums Klima.
Das erkläre ich gern mit einem Bild,
das jeder sofort versteht.
Stell dir einen Mann vor,
der mit seinem Hund an einer langen Leine einen Berg hinaufgeht.
Der Mann läuft ruhig, Schritt für Schritt,
langsam, aber stetig nach oben.
Der Hund rennt wild hin und her.
Mal nach vorne, mal zurück, mal querfeldein,
manchmal sogar ein Stück bergab.
Der Mann ist das Klima.
Der Hund ist das Wetter.
Wenn man nur auf den Hund schaut,
sieht alles chaotisch aus.
Rennt der Hund gerade bergab,
ruft jemand: „Siehst du! Es geht runter!“
Aber währenddessen ist der Mann längst höher als zuvor.
Ein kalter Winter, ein verregneter Sommer,
ein schneereicher Januar –
das ist der Hund.
Der langfristige Trend,
die Richtung,
die Energie im System –
das ist der Mann.
Oder ein anderes Bild aus dem Alltag.
Jemand steht auf seiner Terrasse und sagt:
„Hier ist es angenehm, wo soll denn diese Hitze sein?“
Das ist, als würdest du aus dem Schatten heraus behaupten,
die Sonne existiere nicht.
Deine Terrasse ist ein Ort.
Das Klima ist der ganze Kontinent.
Oder der Satz:
„Von wegen Wassermangel, bei mir regnet es doch ständig.“
Ja.
Und genau das ist Teil des Problems.
Ein wärmeres Klima bedeutet nicht überall Trockenheit.
Es bedeutet Extreme.
Längere Trockenphasen wechseln sich mit Starkregen ab.
Der Boden kann das Wasser oft gar nicht mehr aufnehmen.
Was fehlt, ist nicht Regen –
sondern Gleichgewicht.
Und dann der Klassiker im Winter:
„Warmer Winter? Ich heize und es schneit.“
Natürlich.
Ein wärmeres Klimasystem wird instabiler.
Der Jetstream,
der normalerweise die Kälte am Pol hält,
gerät ins Schlingern.
Kalte Luft bricht plötzlich weit nach Süden aus.
Die Kühlschranktür steht kurz offen.
Das ist kein Gegenargument.
Das ist eine Folge.
Was wir heute erleben,
ist kein einzelnes Ereignis.
Es ist eine Häufung.
Mehr Hitzetage.
Mehr Tropennächte.
Mehr Starkregen.
Mehr Dürre.
Mehr Winter,
die entweder zu warm
oder ungewöhnlich extrem sind.
Und dann kommt immer wieder der alte Satz:
„Grönland war früher auch grün.“
Nein.
Grönland ist seit über 2,6 Millionen Jahren nicht eisfrei.
Die Eisschicht dort ist stellenweise mehrere tausend Meter dick
und existiert seit über einer Million Jahren.
Das ist keine Meinung.
Das ist Geologie.
Ich schreibe das hier nicht,
um jemanden vorzuführen.
Ich schreibe es,
weil wir ständig das Falsche vergleichen.
Ein kalter Tag sagt nichts über das Klima.
Ein nasser Ort sagt nichts über globale Trockenheit.
Ein schneereicher Winter widerlegt keine Erwärmung.
So wenig,
wie ein einzelner Schritt des Hundes
die Richtung des Mannes ändert.
Darum geht es.
𝗪𝗜𝗥 𝗦𝗜𝗡𝗗 𝗠𝗜𝗧𝗧𝗘𝗡𝗗𝗥𝗜𝗡 –
𝗨𝗡𝗗 𝗗𝗔𝗦 𝗜𝗦𝗧 𝗞𝗘𝗜𝗡𝗘 𝗠𝗘𝗜𝗡𝗨𝗡𝗚
Vielleicht sollte man das am Ende klar sagen,
damit kein falscher Eindruck bleibt:
Das alles ist keine Theorie mehr.
Und auch kein „könnte vielleicht irgendwann“.
Die Erde hat in den letzten drei Jahren in Folge
global die 1,5-Grad-Marke überschritten.
Nicht an einzelnen Tagen.
Nicht lokal.
Im globalen Jahresmittel.
Das ist wichtig,
weil genau hier oft wieder durcheinandergeredet wird.
Es geht nicht um Deutschland.
Nicht um deine Terrasse.
Nicht um diesen Winter.
Es geht um den globalen Durchschnitt der gesamten Erde –
Land, Ozeane, Atmosphäre.
Und der steigt.
Messbar.
Jahr für Jahr.
Was das bedeutet,
merken wir nicht punktuell,
sondern schleichend –
und dann plötzlich sehr konkret.
Mehr Energie im System
heißt nicht einfach „ein bisschen wärmer“.
Es heißt:
mehr Verdunstung,
mehr Starkregen,
längere Dürren,
heißere Sommer,
instabilere Winter,
verschobene Jahreszeiten.
Die Extreme nehmen zu.
Nicht überall gleich.
Nicht gleichzeitig.
Aber global.
Und das ist der Punkt,
an dem Ehrlichkeit wichtig wird:
Wir kommen da nicht mehr raus.
Die Erwärmung,
die wir jetzt erleben,
ist bereits eingebaut.
Selbst wenn wir morgen alles stoppen würden –
sie wirkt weiter.
Die Trägheit der Ozeane,
der Atmosphäre,
der Eisschilde
ist enorm.
Aber:
Wir können entscheiden,
wie schlimm es wird.
Ob der Mann mit dem Hund
weiter moderat bergaufgeht –
oder ob der Weg immer steiler,
rutschiger
und gefährlicher wird.
Ob wir bei 1,6 oder 1,7 Grad landen –
oder bei 2,5 oder mehr.
Abflachen können wir die Kurve noch.
Nicht durch Ignorieren.
Nicht durch „bei mir regnet es“.
Nicht durch das Verwechseln von Meinung mit Realität.
Sondern nur,
wenn wir endlich aufhören,
über den Hund zu streiten – und anfangen,
über den Weg zu sprechen,
auf dem wir gerade gehen.


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