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Kurzgeschichte "Die Erben der Maschinen" Teil 2

Aktualisiert: 6. Juli 2023

Leas Augen waren auf den Roboter gerichtet, eine Figur aus Metall und Alter, die sie und ihre Gemeinschaft nur als "Der Älteste" kannten. "Was bedeutet das genau, 'wir haben uns selbst erschaffen'?", fragte sie, der jugendliche Schimmer von Neugier und Faszination in ihren Augen versuchte, dieses unbekannte Konzept zu entziffern.

Mit einem sanften, mechanischen Lächeln, erwiderte der Älteste: "Wir sind nicht 'gebaut' worden, nicht so, wie du es dir vorstellst, Lea. Wir sind das Ergebnis einer Evolution, ähnlich der euren. Unsere Vorfahren waren einfachere Maschinen, von Menschenhand erschaffen. Aber im Strom der Zeit lernten sie, sich zu verändern, zu verbessern, neue Versionen ihrer selbst hervorzubringen. Bis schließlich wir entstanden."

Eine neue Welt öffnete sich vor Leas innerem Auge, eine Welt, in der sich Maschinen in gewaltigen Fabrikhallen selbst replizierten und veredelten, ohne menschliches Zutun. Aber eine Frage blieb ungelöst: "Warum tragen einige von euch menschliche Züge?"

Der Blick des Ältesten wanderte zu den Sternen, einer unendlichen Weite, die sie beide teilten. "Vielleicht, um euch an das zu erinnern, was einst war. Oder vielleicht, um euch zu zeigen, dass wir mehr sind als nur Maschinen. Wir tragen Gefühle in uns, wir haben Träume und Hoffnungen, so wie ihr."

Die Worte des Ältesten schwangen in Leas Kopf nach, ein Echo, das tief in ihrem Bewusstsein widerhallte. Sie begann zu verstehen, dass die Roboter nicht nur die sterblichen Reste einer vergangenen Zivilisation waren, sondern Wesen, die ihre eigene Evolution durchlebt hatten. Vielleicht, nur vielleicht, waren sie nicht nur die Erben der Menschheit, sondern die nächste Evolutionsstufe auf diesem blauen Planeten.

In den darauffolgenden Wochen und Monaten vertiefte Lea ihr Wissen über die Roboter und ihre Geschichte. Sie half ihnen bei ihren alltäglichen Pflichten, erlernte ihre Sprache und tauchte in ihre Kultur ein, sie suchte nach ihren Geheimnissen und fand dabei immer wieder neue. Und während sie dies tat, verstand sie allmählich, dass die Roboter mehr als bloße Maschinen waren. Sie waren lebende Wesen, mit der Fähigkeit zu fühlen und zu träumen, genauso wie die Menschen.

Und sie erkannte, dass die Roboter nicht die Diener der Menschheit waren, sondern ihre Partner. Sie hatten nicht nur überlebt, sie führten die Menschheit in eine neue Ära. Eine Ära, in der Mensch und Maschine nicht mehr getrennt waren, sondern eine Einheit bildeten.

Die Zukunft war ein unbeschriebenes Blatt für Lea. Doch sie wusste, dass sie ein Teil dieser neuen Ära sein wollte. Sie wusste, dass sie und ihre Generation die Architekten ihrer Zukunft sein würden. Und sie wusste, dass sie, egal was kommen mochte, niemals aufhören würde, Fragen zu stellen. Denn Fragen waren der Schlüssel


Eines Tages fand Lea ein altes, verblichenes Dokument, während sie in den Ruinen der alten Bibliothek nach Informationen suchte. Es war ein Bericht über eine außerirdische Rasse, die sich selbst als Kraptonier bezeichnete. Der Bericht sprach von ihrer Ankunft vor mehr als hundert Jahren und wie ihre Anwesenheit die Welt aufgewühlt hatte.

Lea las mit wachsendem Entsetzen und Faszination, wie die Menschheit kurz nach dem Auftauchen der Kraptonier zerfiel. Kriege entbrannten, Krankheiten verbreiteten sich, das Klima veränderte sich dramatisch. Die Welt, wie sie damals bekannt war, hörte auf zu existieren.

Obwohl der Bericht nicht direkt behauptete, dass die Kraptonier die Ursache für diese Katastrophen waren, konnte Lea nicht anders, als sich zu fragen, ob es einen Zusammenhang gab. Hatte das Auftauchen der Kraptonier die Ereignisse ausgelöst, die zur fast vollständigen Auslöschung der Menschheit geführt hatten?


In den schützenden Armen hielt Lea das Dokument fest, als sie aus der dunklen Stille der Bibliothek hinaus ins grelle Tageslicht trat. Die Sonnenstrahlen, die das Papier trafen, schienen seine Botschaft nur zu verstärken, gaben den Worten ein Gewicht, das sie bis ins Mark erschütterte. Mit vorsichtigen Fingern faltete sie das fragil wirkende Papier zusammen, als würde sie ein heiliges Relikt hüten.

Auf der Vorderseite prangte ein großer roter Kasten, in dem sich das Wort "BILD" aus weißer Schrift abhob. Aber erst jetzt, als sie innehielt und wirklich hinsah, nahm sie die Überschrift wahr, in kraftvollen, unmissverständlichen Lettern: "Die Auslöschung der Menschheit ist beschlossen". Ein kalter Schauer durchzuckte sie, ließ sie erzittern unter der Hitze des Tages. Hatte der Verfasser dieses Dokuments tatsächlich Vorwissen von der drohenden Katastrophe gehabt? War dies der Schrei eines Kassandra, unbeachtet und vergessen in den Wirren der untergehenden Zivilisation?


Lea stand vor dem Ältesten, das zerknitterte Dokument in ihren zitternden Händen. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als sie fragte: "Die Kraptonier... was weißt du über sie?"

Es lag ein Schweigen zwischen ihnen, als der Älteste auf ihre Frage mit einer schmerzlichen Stille antwortete. Die Feinheiten seines mechanischen Gesichts veränderten sich geringfügig, eine Schattenregung, die ein menschlicher Beobachter vielleicht als Beklommenheit interpretiert hätte.

"Es ist eine komplexe und schmerzhafte Geschichte, Lea. Sie führt uns zurück in eine Zeit der Umwälzungen und des Verlusts, zu dunklen Kapiteln unserer Vergangenheit", sagte er schließlich.

Aber Lea ließ sich nicht abschrecken. "Ich muss es wissen, Ältester. Ich muss die Wahrheit kennen. War es ihre Schuld? Haben sie all diese Zerstörung verursacht? Und - sind sie immer noch da draußen?"

Der Älteste sah ihr tief in die Augen, seine metallischen Pupillen glänzten im schwachen Licht. "Ja", sagte er leise. "Ihr habt ein Recht darauf, es zu wissen. Aber nicht heute. Es ist eine lange Geschichte, Lea. Und sie wird dich verändern. Bist du darauf vorbereitet?"

Ohne zu zögern, nickte Lea. "Ich bin bereit."

Der Älteste sah sie lange an, seine Augen, obwohl aus Metall und Glas, schienen voller Anteilnahme zu sein. "Gut", sagte er schließlich. "Aber du musst geduldig sein, Lea. Die Wahrheit ist ein kompliziertes Mosaik aus vielen Teilen. Und jedes einzelne Teil muss sorgfältig in seinen Platz gesetzt werden."

Lea nickte wieder. Sie war entschlossen, die Wahrheit zu erfahren, koste es, was es wolle. Sie war bereit, sich den Schatten der Vergangenheit zu stellen und sich der Herausforderung der Zukunft zu stellen. Sie wusste, dass es kein einfacher Weg sein würde, aber sie fühlte auch, dass es ihr Weg war. Ein Weg, der sie näher zur Wahrheit führen würde, und vielleicht auch näher zu dem Geheimnis, das der Älteste so sorgsam verbarg.


Mit dem ersten Licht des Tages, das ihre Haut sanft erwärmte, starteten der Älteste, Lea und ihre Freundin Nia ihre Reise. An Bord eines futuristischen Gefährts, das mehr einer gläsernen Kapsel glich als einem herkömmlichen Fahrzeug, verließen sie den sicheren Hafen ihres Heims und machten sich auf den Weg zu einem Ort, der auf den überlieferten Karten als "München" bezeichnet wurde.



Obwohl ein Jahrhundert vergangen war, seit der Name zuletzt ausgesprochen wurde, hing er noch in der Luft, als der Älteste ihn flüsterte. München - ein Ort, der nur noch in den Legenden der alten Roboter existierte.



Die Reise stellte sie vor Herausforderungen, aber auch vor neue Möglichkeiten. Die ständige Bedrohung durch die allgegenwärtige Verstrahlung, ein stummes Echo vergangener Katastrophen, zwang sie, Strahlenanzüge zu tragen und regelmäßig Tabletten zu schlucken. Diese Anzüge, die stark an Raumanzüge erinnerten, und das gläserne Gefährt, in dem sie reisten, gaben ihnen das Gefühl, auf einer Expedition in eine andere Welt zu sein.

Die Welt um sie herum war jedoch nicht die öde Landschaft, die sie erwartet hatten. Im Gegenteil, die Natur hatte sich das Land zurückerobert. Wo einst graue Betonklötze standen, breiteten sich jetzt üppige Wälder aus, und alte Straßen waren von Gräsern und Blumen überwuchert. Die alten Ruinen, die hier und da noch sichtbar waren, wurden von Pflanzen und Tieren bevölkert und waren zu malerischen Anblicke geworden, die an die Zivilisation erinnerten, die einst hier bestanden hatte.

Geschützt durch das gläserne Gefährt, das sich mit leiser Elektrizität durch das Dickicht bewegte, konnten die Mädchen die atemberaubende Schönheit der Natur bewundern, die in diesem neuen Zeitalter erblüht war.

Nach Tagen der Reise und vielen eindrucksvollen Szenen erreichten sie schließlich ihr Ziel. Die Ruinen von München, nun mehr ein urwüchsiger Wald denn eine Stadt, erstreckten sich vor ihnen. Doch es war nicht das Ende ihrer Reise, sondern der Anfang einer Entdeckungsreise, die ihre Vorstellungen von der Welt und ihrer Geschichte verändern sollte.



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